Auswandern – Die Lösung oder nur teurer Ortswechsel?
Unsere persönliche Erfahrung nach 8 Monaten Asien und dem Umzug in die Schweiz
AUSWANDERNMINDSETSCHWEIZ
In Deutschland ist Auswandern längst kein Nischen-Thema mehr. Die Medien lieben die großen Zahlen: Jedes Jahr verlassen rund 260.000 Deutsche das Land – das entspricht einer ganzen Stadt wie Karlsruhe. 2025 waren wir zwei davon.
Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er gehen will. In diesem Artikel geht es nur um unsere. Wir möchten dir keine fertige Antwort geben, sondern unsere Erfahrung teilen und dir die Fragen mit auf den Weg geben, die uns geholfen haben. Vielleicht helfen sie auch dir.
Der Moment, in dem alles anders war
Eines Morgens sind wir aufgewacht und dachten: „Endlich raus hier. In Deutschland läuft alles schlecht.“ Naja, ganz so dramatisch und einfach war es dann doch nicht.
2023 haben Sabrina und ich uns für eine 8-monatige Reise durch Asien entschieden. Davor führten wir ein ganz normales Leben: gute Jobs, vernünftiges Einkommen, Familie und Freunde in der Nähe, spontane Treffen möglich. Ein Leben, wie es sich die meisten vorstellen.
Zwei Jahre später, als wir wieder deutschen Boden betraten, fühlte sich alles fremd an. Die Familie holte uns am Flughafen ab – ein schöner Moment. Aber das Gefühl „nach Hause kommen“ stellte sich nicht ein. Irgendetwas hatte sich verändert.
Die Fahrt über die Autobahn, die jahrelang mein täglicher Arbeitsweg gewesen war, fühlte sich plötzlich sonderbar an. Die vertraute Hofeinfahrt, unser Balkon, die Wohnung, die wir immer „unser Liebesnest“ genannt hatten – alles war da, und doch wollte ich in diesem Moment nur eines: nicht hier sein. Obwohl wir diese Wohnung wirklich geliebt hatten.
In den ersten Wochen zogen wir uns von fast allen sozialen Kontakten zurück. Wir wussten selbst nicht, was wir fühlen sollten. Nach einer kurzen Schonfrist ging es zurück in den alten Trott: Früh-, Spät- und Nachtschichten, Einkaufen, Sport, schlafen, repeat. Als hätte die Reise nie stattgefunden.
Irgendwann wurde uns klar: Wir hatten uns verändert. Und unser altes Leben passte nicht mehr zu uns.
Ist Auswandern wirklich die Lösung?
Diese Frage haben wir uns oft gestellt – und sie ist wichtiger, als die meisten denken.
Auswandern kann viele Probleme lösen: höheres Gehalt, bessere Work-Life-Balance, mehr Natur, andere Mentalität, weniger Bürokratie, einfach ein anderes Lebensgefühl. In manchen Ländern fühlt man sich plötzlich wieder lebendig.
Aber Auswandern löst nicht alle Probleme.
Es löst nicht die innere Unzufriedenheit, wenn du eigentlich mit dir selbst haderst. Es repariert keine kaputten Beziehungen und es nimmt dir nicht die Verantwortung, dein eigenes Leben aktiv zu gestalten. Manche Menschen packen nur ihre Unzufriedenheit in einen anderen Koffer und wundern sich, warum sie am neuen Ort nach ein paar Monaten wieder unzufrieden sind.
Für uns war klar: Wir wollten nicht vor Deutschland „flüchten“. Wir wollten Rahmenbedingungen, die besser zu der Version von uns passen, die aus Asien zurückgekommen ist.
Wie du für dich die richtige Entscheidung triffst
Bevor du den großen Schritt machst, brauchst du Klarheit. Stell dir folgende Fragen – ehrlich und konkret:
Was stört mich wirklich am meisten an meinem aktuellen Leben? (Liste die Top 3 auf)
Welche Dinge müssten sich ändern, damit ich deutlich zufriedener wäre?
Welche dieser Punkte kann ich hier und jetzt verändern, ohne auszuwandern?
Was sind absolute Dealbreaker für mich? (z. B. Work-Life-Balance, Natur, Sicherheit, Mentalität der Menschen, Steuern, etc.)
Wie viel bin ich bereit, aufzugeben? (Familie, Freunde, Sprache, gewohnte Kultur, berufliche Sicherheit…)
Wichtig: Auswandern muss nicht gleich ins Ausland bedeuten. Manche finden ihre Lösung schon in Bayern statt NRW, im Schwarzwald statt Ruhrgebiet oder auf dem Land statt in der Großstadt.
Unser Weg in die Schweiz
Nach vielen langen Gesprächen, endlosen Listen und stundenlangem Rechnen fiel unsere Entscheidung schließlich auf die Schweiz.
Dabei ist uns eines besonders klar geworden: Deutschland ist an sich kein schlechter Ort zum Leben. Für viele Menschen ist es das sogar immer noch. Für uns passte es einfach nicht mehr.
Durch die acht Monate in Asien haben wir uns verändert – und zwar tiefgreifender, als wir zunächst dachten. Die Reise war wie ein großes gemeinsames Projekt. Wir waren plötzlich nur noch auf uns gestellt. Probleme mussten wir selbst lösen, sei es sprachlich, logistisch oder kulturell. Das hat uns enger zusammengeschweißt und selbstbewusster gemacht.
Wir haben unglaublich viele Menschen und Lebensweisen kennengelernt, neue Natur erlebt und ständig Neues ausprobiert. Dadurch sind wir probierfreudiger geworden und haben noch mehr Lust auf andere Kulturen und Gegenden bekommen. Der alte Rahmen in Deutschland fühlte sich auf einmal viel zu eng an.
Wir sehnen uns seither nach einem selbstbestimmteren und freieren Leben. In Deutschland hat man oft das Gefühl, dass sich schon jemand um einen kümmert – Staat, System, Sicherheiten. Das ist für viele ein großer Vorteil. Für uns wurde es aber zunehmend einengend. Wir wollen lieber selbst Verantwortung übernehmen. Genau diese Verantwortung gibt uns das Gefühl von echter Freiheit.
Die Schweiz bietet eine ähnliche, aber doch andere Kultur. Wir können hier richtig ausgedehnte Wanderungen in den Bergen machen, an wunderschönen Seen vorbeilaufen und sogar eine neue Sprachvariante lernen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als könnten wir das Abenteuergefühl der Reise ein Stück weit in den Alltag integrieren.
Fartzit: Ja, aber…
Für uns war Auswandern die richtige Lösung. Wir fühlen uns wieder lebendiger, motivierter und mehr bei uns selbst. Das heißt aber nicht, dass Deutschland generell „schlecht“ ist. Es heißt nur, dass es für die Menschen, die wir heute sind, nicht mehr der richtige Rahmen war.
Auswandern ist keine magische Pille. Es ist ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, ob man es richtig einsetzt und ob man bereit ist, auch die neuen Herausforderungen anzunehmen.
Wenn du gerade mit dem Gedanken spielst: Nimm dir Zeit für echte Klarheit. Sprich mit Leuten, die schon gegangen sind. Mach Urlaube im Zielland, nicht nur als Tourist. Und vor allem: Frag dich immer wieder, ob du vor etwas wegläufst – oder auf etwas zugehst.
Wir sind gespannt auf deine Geschichte. Schreib gerne in die Kommentare, wo du gerade stehst – ob du schon ausgewandert bist, mit dem Gedanken spielst oder noch total unentschlossen bist.
In einem der nächsten Artikel erzählen wir mehr über unser konkretes Leben in der Schweiz – mit allen Höhen und Tiefen.
Bis bald
Dein Boris (&Sabrina) von travel_farts




